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Navid Kerber, 2003 | Kehrsiten , NW

 

Die Myopie (Kurzsichtigkeit) beschreibt eine Fehlsichtigkeit des Auges, von der heutzutage bereits rund jede dritte Person betroffen ist. Mit meiner Arbeit wollte ich verschiedene verstärkende Risikofaktoren der Myopieentwicklung herausarbeiten. Durch die gewonnenen Erkenntnisse lassen sich Veränderungen im Lebensstil anstreben, zum Beispiel vermehrter Aufenthalt im Freien, mit dem Ziel, die Kurve der Myopieentwicklung abzuflachen.

Fragestellung

Im Rahmen dieser Arbeit wurden zunächst verschiedene Leitfragen aufgestellt, nach denen der Arbeitsprozess dann entsprechend ausgerichtet wurde: (I) Gibt es Unterschiede in der Häufigkeit der Kurzsichtigkeit bei Kollegischüler|innen, Sportgymnasiast|innen und Lehrlingen von Outdoor-Berufen? (II) Welche Faktoren fördern das Auftreten einer Myopie im Jugendalter? (III) Gibt es präventive Massnahmen?

Methodik

Zur Beantwortung dieser Fragen kamen verschiedene Methoden zur Anwendung. Das Kernstück bildete ein selbst erstellter, digitaler Fragebogen, bestehend aus 23 Fragen. Dieser wurde bei drei verschiedenen Ausbildungsstätten eingereicht: dem Kollegium St. Fidelis in Stans (KSF), dem Berufsbildungszentrum Sursee (BBZ) und der Sportmittelschule Engelberg (SME). Der verwertbare Rücklauf umfasste total 144 Antworten. Ich führte auch einen Versuch zur Akkommodation durch. Dazu haben zehn myope Jugendliche je zweimal zehn Minuten lang, einmal mit ihrer normalen Korrektur und einmal mit einer unterkorrigierten Probebrille (+2 Dioptrien), einen Text gelesen. Jeweils am Ende der zehn Minuten bestimmte ich mittels eines Lasergeräts den Leseabstand, konnte so den jeweiligen Akkommodationsaufwand berechnen und die gewonnenen Werte miteinander vergleichen, um den Nutzen der Unterkorrektur zu beurteilen.

Ergebnisse

Aus den Resultaten geht hervor, dass die Kurzsichtigkeit am KSF signifikant häufiger auftritt als an den Vergleichsschulen. Die Schüler|innen des KSF verbringen ausserdem deutlich mehr Zeit mit Lesen, Lernen und an ihrem Smartphone. Dasselbe gilt für myope Schüler im Vergleich zu emmetropen. Auf der anderen Seite halten sich die Jugendlichen am BBZ und an der SME deutlich länger im Freien auf. Auch hier gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen Emmetropen (längerer Aufenthalt im Freien) und den Myopen (geringerer Aufenthalt im Freien). Jugendliche von myopen Eltern zeigten zudem eine erhöhte Wahrscheinlichkeit selbst myop zu sein. Der Versuch zeigte auf, dass die Mehrzahl der Proband|innen (8 von 10) den Leseabstand mit aufgesetzter Probebrille zwar verringerten, aber nur so stark, dass der Akkommodationsaufwand im Vergleich zum Lesen mit normaler Korrektur trotzdem abnahm.

Diskussion

Diese Arbeit zeigt, dass vermehrte Lesearbeit und Aufenthalt in Innenräumen das Risiko einer Myopieentstehung erhöhen kann, wohingegen häufiger «Outdoor-Aufenthalt» dieses Risiko verringert. Damit lassen sich unter anderem die Unterschiede in der Häufigkeit der Kurzsichtigkeit zwischen den verschiedenen Schulen erklären. Die Resultate dieser regionalen Population von Jugendlichen decken sich grösstenteils mit den in der Literatur publizierten Einflüssen von Risikofaktoren auf die Myopieentstehung bei anderen Populationen. Unterschiede in der Myopieprävalenz, trotz identischer Bildungszeit, werden durch die verschiedenen Bildungsgänge erklärbar. Die Resultate des Akkommodationsversuches zeigen, dass eine Unterkorrektur zu einer Verringerung des Akkommodationsaufwands führt, diese von den Probanden aber nicht vollständig ausgeschöpft wird. Dies zeigt, dass eine Unterkorrektur bei kurzzeitiger Anwendung nicht das gewünschte Resultat bringt, nicht als generelle Myopieprohpylaxe angewendet werden kann, aber gegen die Ermüdung der Augen helfen kann.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Entwicklung einer Myopie effektiv entgegengewirkt werden kann, wenn dazu entsprechende Verhaltensregeln berücksichtigt werden. Es sollte darauf geachtet werden, sich bereits im Kindesalter vermehrt (mindestens 2 h) im Tageslicht im Freien aufzuhalten und die Naharbeit (Lesen, Lernen, Computerspiele) auf das Nötige zu beschränken sowie auf einen angemessenen Leseabstand zu achten (40 cm). Vor allem aber sollten dabei immer wieder Pausen zur «Entspannung» der Augen eingebaut werden. Mit diesen Verhaltensanpassungen lässt sich die Entwicklung einer Myopie ohne invasive Prophylaxen reduzieren.

 

 

Würdigung durch den Experten

Dr. med. Rino Vicini

Die Arbeit nimmt sich der wichtigen Thematik der Myopie bei Jugendlichen an. Der Verfasser hat mittels zielgerichteter Datenerhebung bei drei passend gewählten Studiengruppen die Risikofaktoren und mit eigens kreiertem Versuchsaufbau die Nahaddition für Myope wissenschaftlich untersucht. Navid Kerber reflektierte seine Ergebnisse im Bewusstsein der Limitationen und verglich sie kritisch mit vorhandener Literatur. Die Arbeit überzeugt durch den multimodalen Aufbau, die saubere Durchführung und Auswertung sowie die Umsetzung der Erkenntnisse in eine Präventionsbroschüre.

Prädikat:

sehr gut

 

 

 

Kollegium St. Fidelis, Stans
Lehrer: Thomas Schwegler