Eigentlich sollte ich in die USA reisen – ein Sonderpreis des „Schweizer Jugend forscht“-Finales hatte mir einen Platz bei den Genius Olympics beschert. Gewonnen habe ich diesen Preis mit meiner Maturaarbeit in Robotik: ein Roboter-Kaninchen, das mit maschinellem Lernen springen lernte.
Doch dann kam die Überraschung: Der Termin fiel genau auf meine mündliche Maturaprüfung. Amerika, dahin wo ich schon immer wollte – aufgeschoben! Aber wie sich herausstellte, war das gar kein Rückschlag, sondern eher ein Upgrade auf Norwegen. Dank der Terminüberschneidung bekam ich die Gelegenheit, am European Space Camp teilzunehmen. Weltall? Raketen? Zuerst fremd und aufregend, doch im Nachhinein kann ich sagen: Es war die perfekte Alternative – ein Abenteuer, das ich nie vergessen werde.
Vielen Dank Schweizer Jugend forscht Team!


Offizielle Eröffnung mit Jannicke Mikkelsen (Erste Astronautin aus Norwegen)
Der Weg nach Andøya
Kaum aus dem Militär abgetreten, stand ich schon mit Koffer am Flughafen Zürich. Mein erster Flug überhaupt. In Oslo gönnte ich mir als erstes einen Burger – schmeckt tatsächlich wie zu Hause.
Am nächsten Morgen besuchte ich im Eiltempo die Stadt Oslo, um abends rechtzeitig vom Flugplatz auf die kleine Insel Andøya zu fliegen. Als das Flugzeug über die Küste hinweg tauchte, war mir klar: Das hier ist kein Trostpreis. Vor mir lag das Space Center, mit einer riesigen Satellitenschüssel und einem Aussichtsturm, umrahmt von grünen Bergen und einer endlosen Küste, die im Licht der Mitternachtssonne glühte. Es fühlte sich an, als wäre ich schon halb auf einem anderen Planeten.

Team Payload wird ihre Aufgabe instruiert. Vor uns die unfertige Rakete.

Eisbaden im kalten Nordatlantik
Ankommen im Weltall
Am ersten Tag drehte sich alles ums Kennenlernen. Am zweiten erlebten wir die offizielle Eröffnung – mit einem besonderen Gast: Jannicke Mikkelsen, Norwegens erste Astronautin. Ihre Geschichte hat mich tief beeindruckt: Nach einem schweren Reitunfall war sie vorübergehend gelähmt, kämpfte sich zurück, wurde Fotografin und schliesslich Teil der SpaceX-Dragon-Crew. Eine Frau, die buchstäblich Unmögliches möglich machte.
Dann ging es an die Arbeit: Flugsimulation, Sensorik, Telematik – und ich im Payload-Team. Wir stellten die benötigte Elektronik zusammen, das die Stromversorgung und Temperatur in der Rakete überwachte. Danach waren wir dafür zuständig alle Sensoren miteinander zu verkabeln und zu montieren. Hinter jeder Lötstelle steckte Teamgeist, Abhängigkeit von den anderen Gruppen und ein stetiges Gefühl: „Wir bauen etwas, das wirklich fliegen wird.“

Aussicht vom Andoya Space Camp

Unsere Rakete auf dem Weg in den Himmel und zu Daten.
Alltag zwischen Raketen und Sauna
Tagsüber werkelten wir am Raketeninneren, nachts erlebten wir Norwegen in seiner magischen Schönheit. Nach dem Abendessen ging es ins Meer – eiskalt, unter einem Himmel, der rot und orange brannte. Direkt danach in die Sauna: so heiss, dass der Ofen irgendwann wegen unserem immer wieder Eingiessen von Wasser erlosch, während wir in einer Welle aus Hitze und Freundschaft zusammenschmolzen.
Und dann begann der Spass erst richtig. Musik, Tanzen, Lachen – bis wir mitten in der Nacht durch die Flure zogen, Salsa tanzten oder Menschenschlangen durch jedes Zimmer schickten. In einer Woche entstand ein Zusammenhalt, der bis heute anhält: Wir treffen uns regelmässig über Discord, spielen Gesellschaftsspiele und planen sogar einen Minecraft-Server, um unser Camp virtuell nachzubauen.

Teil unserer Gruppe vor dem Raketenstart in der Überwachungszentrale

Ich beim Präsentieren meiner Windanalyse.
Der grosse Raketenstart
Am fünften Tag war es soweit. Unsere Rakete bestand die letzten Tests – „Payload check … 10, 9, 8 … Lift off!“
Die Rakete schoss mit brachialer Wucht in den Himmel. Ich stand wie versteinert, Gänsehaut am ganzen Körper, unfähig mich zu bewegen. Erst als jemand rief, dass wir in die Zentrale zurückmüssen, konnte ich mich losreissen. Auf den Monitoren sahen wir die Live-Daten unserer Sensoren. Alles funktionierte tadellos.
Unsere Rakete erreichte 8 Kilometer Höhe. Gleichzeitig stiegen unsere Wetterballons sogar bis auf 30 Kilometer. Am Tag danach präsentierte ich die Daten: Luftdruck im Vergleich zur Flugbahn, Windrichtungen, die sich aus Abweichungen der Trajektorie ableiten liessen. Wissenschaft hautnah – von uns selbst erarbeitet.
Die Energie, die in diesem Moment durch uns hindurchging, war unbeschreiblich. Wir sprangen, schrien, lachten – als wäre jeder einzelne von uns mit dieser Rakete selbst gestartet.
Transformation
Vor dem Space Camp wollte ich vor allem Robotik am Boden entwickeln – einfache Systeme, wie mein Roboter-Kaninchen aus der Maturaarbeit. Heute weiss ich: Ich möchte Robotik für den Weltraum entwickeln. Systeme, die auf anderen Planeten forschen, dort arbeiten, wo Menschen noch nicht hinkommen – oder wer weiss, vielleicht sogar «Robotic Space Rabbits». 😉 Eine Woche in Andøya hat meine Träume in eine völlig neue Richtung katapultiert.
Fazit
Manchmal muss man in das kalte Wasser springen, damit es einem später wärmer wird. Genau so war es hier: Aus einem scheinbaren Rückschlag – der geplatzten USA-Reise – entstand ein Abenteuer, das mich verändert hat. Ich kehrte bereichert zurück: Mit neuen Freunden, neuen Zielen und der Sehnsucht, eines Tages vielleicht selbst Technologie ins All zu bringen.