Eine Frage der Zivilcourage? – Max Waibel in «Operation Sunrise» im Jahr 1945

 

Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft

 

Lia Von Moos, 2001 | Kastanienbaum, LU

 

Kurz bevor der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, haben sich eine handvoll Menschen aus mehreren Nationen zusammengeschlossen, um eine vorzeitige Kapitulation der deutschen Heeresgruppe C in Norditalien erwirken zu können. Max Waibel war hierbei eine zentrale Persönlichkeit, obwohl er seitens der Schweizer Regierung keinen Auftrag hierzu erhalten hatte. Die militärische Lage des Deutschen Reiches hatte sich zu diesem Zeitpunkt an verschiedenen Fronten dermassen verschlechtert und es bestand die Gefahr, dass die Truppen bei ihrem Rückzug in Norditalien die Strategie der «verbrannten Erde» anwenden würden. Die Beteiligten der Operation Sunrise haben in wochenlangen, langwierigen und schwierigen Verhandlungen erreicht, dass die deutschen Truppen in Italien sechs Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa kapituliert haben.
Max Waibel kam hierbei eine spezielle Vermittlerrolle zu. Trotz einem ungewissen Ausgang der riskanten Kapitulationsverhandlungen ist es ihm und den restlichen Beteiligten der Operation Sunrise mit viel Geschick, Geduld und Überzeugungskraft gelungen, den Krieg in Norditalien in der Endphase zu verkürzen und die mögliche Zerstörung Norditaliens zu verhindern.

Fragestellung

Taugt Max Waibel als Hauptperson in der Operation Sunrise als Vorbild für Zivilcourage?

Methodik

Bei der Erstellung meines Drehbuches war ich mir zu Beginn nicht sicher, wie ich die Max Waibel darstellen sollte. Mir war zu diesem Zeitpunkt jedoch klar, dass ich ihn mit seinen Originalaussagen zu Wort kommen lassen wollte, um dem Zuschauer die Gelegenheit zu geben, ihn so objektiv wie möglich wahrnehmen zu können. Die Lösung fand ich in der Inszenierung Max Waibels in Form eines Schattenbildes. So übernimmt er die Rolle eines Erzählers, welcher in unsere Zeit „gereist“ ist, um uns das historische Geschehen des Frühjahrs 1945 näher zu bringen. Ebenfalls tritt Max Waibel, diesmal dargestellt als reelle Person, an verschiedenen Orten in Luzern auf, in welchen er damals gelebt und gewirkt hat.

Ergebnisse

Im Frühjahr 1945 befand sich Max Waibel in einer von hoher Ambivalenz geprägten Ausgangslage: Auf der einen Seite hatte er Kenntnis von den Absichten der Nationalsozialisten bei einem möglichen Rückzug, Norditalien und somit auch Städte wie Milano, Padova und Genua dem Erdboden gleich zu machen. Auf der anderen Seite verfügte er aufgrund des Neutralitätsprinzips der Schweiz über keinen Handlungsspielraum, ausser er würde sich entscheiden, die Verhandlungen ohne Wissen des Bundesrates und des Armeekommandos im Geheimen zu führen. Eine Weitergabe der Informationen an seine Vorgesetzten wäre wohl theoretisch möglich gewesen. Max Waibel war jedoch klar, dass er daraufhin von oberster Stelle den Befehl erhalten würde, jegliche Vermittlungstätigkeiten zu unterlassen. Waibel entschied sich für das Stillschweigen, auch weil er verhindern wollte, dass der Schweiz zu einem späteren Zeitpunkt von der Reichsregierung vorgeworfen werden könnte, dass sie ein Komplott gegen die Kriegsführung des Deutschen Reiches begünstigt habe. Bis heute ist jedoch unklar, wer zum Kreis der tatsächlich zum Kreis der Mitwissenden gehört hat.

Diskussion

Max Waibels musste mit seinem Einsatz für die Operation Sunrise gegen für ihn wichtige Werte wie Gehorsam, Pflichterfüllung, Transparenz und Aufrichtigkeit verstossen. Weil er sich Zeitlebens an seinen eigenen hohen Wertvorstellungen orientiert und versucht hatte, ihnen in jeder Lebenslage zu entsprechen, war dies ein bedeutender Schritt für ihn. Er musste quasi gegenüber seiner eigenständig geschaffenen Wertehierarchie gewisse Zugeständnisse machen, um eine allfällige Zerstörung Norditaliens abwenden zu können.

Schlussfolgerungen

Max Waibels Grundmotivation war demzufolge nicht von Egoismus, sondern von Altruismus geprägt. Für ihn stand nicht eine Belohnung, in Form von Ruhm und Ehre oder einer beruflichen Beförderung im Vordergrund. Vielmehr ging es ihm neben einem humanitären Anliegen wie der Rettung von unzähligen Menschenleben, auch um kulturelle, politische und militärische Beweggründe. Es ist unbestreitbar, dass Max Waibel durchaus auch die wirtschaftlichen Interessen der Schweiz wahren wollte, dies war jedoch nicht seine Hauptmotivation. Sein trotz bestehenden Risiken mutiges, zielstrebiges und selbstloses Handeln in einer Krisensituation, welches alle Kriterien der Zivilcourage erfüllt, kann sehr wohl als vorbildhaft bezeichnet werden.

 

 

Würdigung durch den Experten

Prof. em. Dr. Jakob Tanner

Vor 75 Jahren ging in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende. Dass in Norditalien die Kriegshandlungen bereits vor der Gesamtkapitulation der Wehrmacht eingestellt und damit weitere Zerstörungen verhindert werden konnten, war der «Operation Sunrise» zu verdanken. Die Arbeit und der dreissigminütige Dokfilm von Lia von Moos stellen die Rolle des Hauptbeteiligten, des Schweizer Offiziers Max Waibel, dar. Dessen altruistische Motivation und Zivilcourage werden kompetent gewürdigt. Die Autorin gelingt es, die historische Analyse der Ereignisse mit einer hoch aktuellen Frage zu verbinden.

Prädikat:

hervorragend

Sonderpreis EDA – Einblick in den diplomatischen Dienst

 

 

 

Kantonsschule Luzern
Lehrer: Dr. Jürg Stadelmann