Wir waren alle im grossen Paul-Scherrer-Hörsaal der ETH und warteten gespannt auf unsere Prädikate. Die Anspannung war kaum auszuhalten. Als dann Caedens Name genannt wurde und er sogar einen Sonderpreis erhielt, mit dem er nach Tunesien reisen konnte, war das ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Elias wäre ursprünglich nach Taiwan gereist. Aber im November kam dann der Schock: Terminkollision mit den ETH Prüfungen! Durch einen glücklichen Zufall konnte er mit jemandem tauschen und durfte er mit Caeden zusammen nach Tunesien ans I-FEST2.

Da Caeden seinen Cyclocopter unbedingt auch an die Ausstellung mitnehmen wollte, musste er ihn auseinanderbauen und eine spezielle Box für ihn anfertigen, damit er beim Transport nicht beschädigt wurde. Zudem musste Caeden seine gesamte Arbeit, die er ursprünglich auf Deutsch geschrieben hatte, ins Englische übersetzen. Für Elias bestand die Vorbereitung darin, seine Arbeit mithilfe einer Webapplikation erfahrbar zu machen und mit den Erkenntnissen von der Ausstellung am NW zwei neue Poster zu designen.

Als wir in Tunis aus dem Flughafen kamen, liefen wir in den ersten Minuten erst einmal ziemlich ziellos umher – fast wie Hühner ohne Kopf. Schliesslich kam eine Volunteer des I-FEST auf uns zu und erkannte uns, da sie einige Monate zuvor mit Caeden in der Schweiz am ISTF gewesen war. Im Hotel angekommen liefen wir Tesnim in die Arme, die im Jahr zuvor mit Elias am ISTF gewesen war; ein fröhliches Wiedersehen! Diese Begegnungen haben uns einmal mehr gezeigt, wie klein die Welt ist und wie sehr solche Projekte Menschen miteinander verbinden können.



Wir denken, unser Ziel lässt sich am besten mit „go with the flow“ beschreiben: die Zeit in Tunesien geniessen und möglichst tief in die Kultur eintauchen. Die geplanten Ausflüge waren allerdings recht touristisch, das heisst, man führte uns vor allem zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Um ein wenig daraus auszubrechen, haben wir viel mit den Volunteers gesprochen, die alle in Tunesien studieren. Dabei merkten wir, dass dies für uns der beste Weg war, tunesischer Kultur näherzukommen.

Ein weiteres Ziel war es, mit Menschen aus anderen Regionen der Welt in Kontakt zu kommen. Das ergab sich ganz unerwartet, als wir schon am ersten Tag das Team Südafrika kennenlernten, das uns im Verlauf des Events sozusagen adoptierte.

Die Begegnungen mit tunesischen und internationalen Menschen waren das Highlight unserer Reise. Das südafrikanische Team nahm uns herzlichst auf – Tag für Tag verbrachten wir zusammen, spielten Spiele, erzählten Anekdoten (Wir waren überrascht, wie gefährlich Elefanten und wie spitzbübisch Affen sein können!) und diskutierten über unterschiedliche Weltanschauungen.

Für Elias besonders inspirierend war die Begegnung mit Abubakar und Abdullahei aus Nigeria, die ihre Arbeit am Stand nebenan präsentierten. Obwohl sie zwei Tage zu spät ankamen, weil ihr Auto auf dem Weg zum Flughafen kaputtgegangen war, war ihre Fröhlichkeit, Offenheit und Motivation unübertroffen.

Aus einer fachlichen Sicht war ein Gespräch mit Luke aus Taiwan sehr bereichernd. Seine Fragen haben Elias ermöglicht, neue Aspekte meines Projektes zu entdecken. Ausserdem war Luke’s Projekt, Lichtstrahlen in Wasser mithilfe von zylindrischen Hochdruckgebieten zu biegen, eine hervorragende Mischung visionärer Ideen und Realisierbarkeit. Wir haben uns sehr für ihn gefreut, dass er es in die Top 2 geschafft hat.



Für uns beide war es das erste Mal in Afrika. Schon während dem Flug nach Tunis wurde uns bewusst, dass wir in eine andere Kultur fliegen: Unangekündigt gab es im Flugzeug ein Mittagessen – eine Geste, die wir so nicht von europäischen Fluggesellschaften kannten.

Auch die Pünktlichkeit erforderte von uns beiden einiges an Umstellung. In der Schweiz bedeutet es meist, dass alle bereit sind, wenn man einer Gruppe sagt, man fahre am nächsten Morgen um 6 Uhr ab – oft sitzen dann schon um 5.55 Uhr alle in den Bussen. In Tunesien hingegen entscheidet eher die Gruppe über das Tempo. Am Abend zuvor hatten wir eine Party, weshalb viele erst spät ins Bett gingen. Entsprechend kamen die Leute am nächsten Morgen ganz entspannt und ohne Stress gegen 8 Uhr zu den Bussen, stiegen gemütlich ein, und schliesslich fuhren wir erst etwa zweieinhalb Stunden nach der ursprünglich geplanten Abfahrtszeit los.

An einem der ersten Tage tranken wir einen sehr leckeren lokalen Tee, den wir sehr genossen und der nur 3,5 Dinar gekostet hatte. Einige Tage später, als wir an einem etwas touristischeren Ort waren, wollten wir uns noch einmal so einen Tee kaufen. Wir gingen in ein kleines Café, bestellten einen, und als es ans Bezahlen ging, hatten wir nur noch 20-Dinar-Noten übrig. Plötzlich kostete der Tee dann einfach 20 Dinar. An vielen dieser sehr touristischen Orte fühlte es sich deshalb ein wenig so an, als wären wir vor allem laufende Geldbeutel.

Für die Top-10-Bewertung musste Caeden seine Arbeit vor allen vorstellen – also vor den rund 400 Teilnehmenden und den Judges. «Entsprechend war ich natürlich sehr nervös. Was dabei nicht gerade half, war, dass man uns erst am Morgen mitteilte, dass die Präsentation nur zwei Minuten dauern durfte. Da ich mich bereits etwas an das lokale Zeitverständnis angepasst hatte, hatte ich meine Präsentation auf drei Minuten ausgelegt. Erst später erfuhr ich, dass man nach exakt zwei Minuten – keine Sekunde später – unterbrochen wurde. Zusätzlich bekam ich eines dieser Klick-Geräte, um die Folien meiner PowerPoint zu wechseln. Allerdings merkte ich erst später, dass ich es in eine ganz bestimmte Richtung halten musste, damit es überhaupt funktionierte. So stand ich schliesslich gestresst, mit einer zu langen Präsentation und einer PowerPoint, deren Folien ich nicht richtig wechseln konnte, vor 400 Personen auf der Bühne.»

Wenn wir unsere Vorbereitung noch einmal machen würden, würden wir viel mehr auf den ersten Eindruck unserer Arbeiten achten. Die Expertinnen und Experten hatten nicht genügend Zeit, um unsere Projekte im Detail anzuschauen. Deshalb wurden oft gerade jene Arbeiten am besten bewertet, die auf den ersten Blick besonders überzeugend oder beeindruckend wirkten. Entsprechend würden wir heute mehr Wert auf die Präsentationsfähigkeiten und das Poster legen und etwas weniger darauf, jedes Detail fachlich perfekt auszuarbeiten. Eigentlich ist das bei einer Science Fair natürlich der falsche Ansatz, doch es fühlte sich so an, als würden solche Arbeiten am Ende besser bewertet.



Mit der Herausforderung des anderen Zeitverständnisses gingen wir ganz pragmatisch um: Wir erschienen einfach meistens etwa eine Stunde später –zu spät waren wir damit immernoch nicht…

Ein wichtiger Gewinn, den Caeden aus dieser Erfahrung mitnimmt, ist die Erkenntnis, wie privilegiert wir in der Schweiz in Bezug auf Organisation sind – sowohl bei Events allgemein als auch besonders bei wissenschaftlichen Wettbewerben wie dem SJF. Dort hatten die Expertinnen und Experten genügend Zeit, die Arbeiten wirklich sorgfältig anzuschauen und fair zu bewerten. Seinem Eindruck nach war die Schlussbewertung dadurch deutlich gerechter. Ganz allgemein funktionierte in der Schweiz einfach alles sehr zuverlässig, während wir in Tunesien oft warten mussten und die Organisation insgesamt deutlich chaotischer wirkte.

Für Elias waren die inspirierenden Begegnungen zentral; die Erfahrung, dass junge Menschen auf der ganzen Welt mit voller Energie versuchen, die Welt ein klein wenig vorwärtszubringen, gibt Hoffnung und Motivation. Es ist der Optimismus, den Elias vom I-FEST mitnimmt; eine Aussage von Marli, aus dem südafrikanischen Team, beschreibt das treffend: «You could be realistic, but you can also see the rainbow.»

Eines der interessantesten Gespräche, die wir hatten, führten wir mit dem südafrikanischen Team. Uns war aufgefallen, dass alle neun Mitglieder äusserlich eher so wirkten, als hätten sie einen westlichen Hintergrund. Als wir sie darauf ansprachen, erklärten sie uns sehr offen, dass Rassismus in Südafrika auf verschiedenen Ebenen nach wie vor eine grosse Rolle spiele. Sie sagten auch, dass weisse Familien oft noch immer über mehr finanzielle Mittel verfügten und deshalb ihre Kinder auf bessere Schulen schicken könnten. Eine Folge davon sei, dass diese Kinder dann auch eher die Möglichkeit hätten, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Dieses Gespräch hat uns erneut gezeigt, wie privilegiert wir sind, aus der Schweiz zu kommen: Einerseits haben wir hier vergleichsweise guten Zugang zu solchen Events, andererseits erleben wir Rassismus und Sexismus im Alltag meist deutlich weniger stark als in manchen anderen Regionen der Welt.