«Hero Delicia» – Geschichte, die auf der Zunge zergeht: eine wirtschaftsgeschichtliche Erforschung der Konfitüre mit besonderem Fokus auf dem Zeitraum von 1945 bis 1948

 

Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft

 

Philipp Bürgi, 2000 | Wohlen, AG

 

Die geschichtliche Erforschung der „Hero Delicia“ ist historisch relevant und wirtschaftlich interessant, denn die Forschungsresultate zeigen, wie die Unternehmung Hero mit der wirtschaftlich unsicheren Situation – bedingt durch den Zweiten Weltkrieg – umging. Es besteht ein Kausalzusammenhang zwischen der Lebensmittelrationierung (1939−1948) und der Einführung der „Hero Delicia“ (1946). Diese Erkenntnis zeigt, dass die Diversifikation und die Substitution geeignete Strategien sind, um trotz Engpässen neue Märkte zu erschliessen und konkurrenzfähig zu bleiben. Mithilfe der Archivmaterialien aus dem Firmenarchiv der Hero in Verbindung mit betriebswirtschaftlichen Modellen wird der Produktlebenszyklus der „Hero Delicia“ beleuchtet. Abschliessend beschäftigt sich die Arbeit mit der Einführung des „Delicia“-Sortiments im Jahr 1968 und stellt die unterschiedlichen Einführungsgründe – 1948 die Lebensmittelrationierung und 1968 die neuen Ernährungsgewohnheiten – einander gegenüber.

Fragestellung

Die Arbeit behandelt die folgenden drei Themenbereiche, die sich in der Gliederung der Arbeit widerspiegeln: (I) Aus welchen Gründen begann die Hero das Produkt „Hero Delicia“ zu entwickeln? Inwiefern unterschied sich die Konfitüre von anderen ihrer Zeit? (II) Wie entwickelte sich die Konfitüre „Hero Delicia“ nach ihrer Einführung auf dem Markt? Weshalb verschwand die Konfitüre zwei Jahre nach ihrer erfolgreichen Einführung vom Markt? (III) Welche Gründe führten zur erneuten Einführung des zuckerarmen „Delicia-Sortiments“ 20 Jahre später? Inwiefern unterscheiden sich die Einführungsgründe von der „Hero Delicia“ von 1946?

Methodik

Nebst der Auseinandersetzung mit der historischen Sekundärliteratur wurden die Ergebnisse dieser Arbeit durch Archivarbeit und -forschung im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv (SWA) gewonnen. Das SWA umfasst sämtliche Verwaltungsratsberichte, Einkaufsstatistiken, Preislisten, Prospekte und Werbeplakate der Hero. Die Erkenntnisse dieser Arbeit konnten durch die genaue Durchsicht, Auswertung und Ordnung dieser zahlreichen Dokumente gewonnen werden.

Ergebnisse

Die „Hero Delicia“ war insofern speziell, als sie während der Kriegswirtschaft 1946 auf den Markt kam. Da Kristallzucker rationiert war, entschied sich die Geschäftsleitung dazu, ihn durch Rohzucker aus Kuba zu substituieren. Folglich wurden für den Kauf einer „Hero-Delicia“-Konfitüre weniger Lebensmittelcoupons benötigt und es konnten, im Vergleich zu anderen Konfitüren dieser Zeit, grössere Mengen der „Hero Delicia“ erworben werden. Nach ihrer Einführung auf dem Markt konnte die „Hero Delicia“ in grossen Mengen verkauft werden. Die Konkurrenz zögerte dennoch, ein gleichwertiges Produkt auf den Markt zu bringen, denn die Rationierung wurde nach dem Krieg schrittweise abgebaut, und angesichts des grossen Vorsprungs der Hero lohnte sich ein später Einstieg in den Markt zuckerarmer Konfitüren nicht mehr. Anhand der erneuten Einführung des zuckerarmen „Delicia-Sortiments“ 1968 wird erkennbar, dass Diversifikation nicht nur in Zeiten der Knappheit, sondern auch in Zeiten des Wohlstands eine geeignete Strategie für eine Unternehmung darstellt, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Ernährungsgewohnheiten hatten sich geändert: 1948 wollten die Leute Zucker in den Konfitüren, 1968 wollten sie sich gesund ernähren.

Diskussion

Die Geschichte der Konfitüre „Hero Delicia“ war bisher weitgehend unerforscht. Auch wenn im Jubiläumsbuch der Hero „Hero − seit 1886 in aller Munde“ das Thema kurz aufgegriffen wird, waren die Einführungsgründe unbekannt. Diese konnten durch die für diese Arbeit betriebene Forschungsarbeit belegt werden. Darüber hinaus konnten neue Erkenntnisse bezüglich der Geschichte der „Hero Delicia“ gewonnen werden, und die Forschungsresultate ermöglichten eine zufriedenstellende Beantwortung aller Forschungsfragen. Die Methodenwahl war adäquat.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass Diversifikation und Substitution einerseits in wirtschaftlich unsicheren Situationen helfen können, Verluste zu vermeiden, und andererseits in Zeiten des Wirtschaftswachstums und Wohlstandes ermöglichen, konkurrenzfähig zu bleiben. Bei der Erforschung der „Hero Delicia“ zeigte sich, dass durch die Betrachtung eines spezifischen Produktes ein Einblick in die allgemeine Strategie einer Unternehmung gewonnen werden kann. Dies legt offen, dass (wirtschafts-)geschichtliche Forschung eine nicht zu unterschätzende Relevanz für die Gegenwart mit sich bringt. Die Geschichte der „Hero Delicia“ kann man sich, genau wie die Konfitüre selbst, genussvoll auf der Zunge zergehen lassen.

 

 

Würdigung durch die Expertin

Dr. Katja Girschik

Philipp Bürgi fokussiert in seiner quellengesättigten wirtschaftshistorischen Arbeit die Geschichte der Konfitüre Délica der Lenzburger Firma Hero am Ende des Zweiten Weltkriegs. Er zeichnet akribisch nach, was das Produkt damals attraktiv machte, das bald wieder verschwand und erst in den 1960er Jahren unter veränderten Vorzeichen erneut am Markt auftauchte. Es ist bemerkenswert, wie es ihm gelingt, historische Quellen mit zeitgenössischen Theorien zu verbinden und aufzuzeigen, wie geschicktes Agieren auf Rationierungen zu Erfolg führen können – im Jahr 2020 ein unverhofft aktuelles Thema.

Prädikat:

hervorragend

 

 

 

Kantonsschule Wohlen
Lehrerin: Regula Gujer