Sprachlos? – Ein Dokumentarfilm über den Aphasiechor Zentralschweiz

 

Gestaltung | Architektur | Künste

 

Anna Gander, 2002 | Stans, NW

 

Das Produkt und ein Bestandteil dieser Arbeit ist ein Dokumentarfilm über den Aphasiechor Zentralschweiz. Der Film zeigt, dass die Lebensqualität der Sängerinnen und Sänger durch den Aphasiechor auf emotionaler, sozialer und physischer Ebene verbessert wird. Ein weiteres Ziel des Films ist es, im Zuschauer Empathie zu wecken. Deshalb habe ich untersucht, mit welchen filmsprachlichen Mitteln dies erreicht werden kann. Mit zwei vergleichenden Filmanalysen fand ich heraus, dass bestimmte Erzählstrukturen, nahe Einstellungsgrössen, eine dynamische Kameraführung, verschiedene Arten von Montagen und die Musik zur Empathiebildung beitragen können.

Fragestellung

Zu Beginn meiner Arbeit stellte ich mir zwei Leitfragen: (I) Mit welchen filmsprachlichen Mitteln kann ich in einem Dokumentarfilm Empathie beim Zuschauer wecken (Erzählstruktur, Kamera, Montage, Bildkomposition/Raumdarstellung, Ton/Musik)? (II) Wie verändert der Aphasiechor die Lebensqualität der Sängerinnen und Sänger?

Methodik

Vom 20. März bis zum 23. Juli 2019 begleitete ich den Aphasiechor mit zwei Kameras (Proben, GV, Auftritt und Interviews). Bevor ich mit der Montage meines Films begann, erstellte ich ein Erzählkonzept. Ich entschied mich dabei für eine chronologische Erzählstruktur und den symmetrischen Aufbau von Interviewsequenzen. Zuletzt folgte der Montageprozess. Um auf meine erste Leitfrage eine Antwort zu finden, analysierte ich den Dokumentarfilm «Die Wiesenberger – No Business like Showbusiness» (CH 2012). Ich untersuchte fünf Aspekte: Erzählstruktur, Kamera (Kameraführung, Kameraperspektive, Einstellungsgrössen), Montage, Bildkomposition/Raumdarstellung, Ton/Musik. Mithilfe eines Sequenzenprotokolls erarbeitete ich mir einen Überblick über den 88 Minuten langen Film. Danach begann ich mit der detaillierten Analyse. Nach der Fertigstellung meines eigenen Filmes analysierte ich diesen nach denselben fünf Aspekten, um die beiden Filmanalysen miteinander vergleichen zu können. Für die qualitative Beantwortung meiner zweiten Leitfrage stellte ich während Interviews mit drei Aphasiker/-innen und dem Dirigenten des Chors gezielte Interviewfragen.

Ergebnisse

Aus 14 Stunden Filmmaterial entstand mein halbstündiger Film mit dem Titel «Sprachlos?». Am 22. November 2019 veranstaltete ich eine öffentliche Filmpremiere am Kollegium in Stans, und am 11. Dezember folgte eine Filmvorführung für den Aphasiechor. Durch den Vergleich der beiden Filmanalysen fand ich eine Antwort auf meine erste Leitfrage. Eine chronologische Erzählstruktur, nahe Einstellungsgrössen, eine dynamische Kameraführung, zum Thema passende Montagekonzepte, ruhige Einstellungen nach Interviews und vor allem die Musik können wesentlich zur Empathiebildung beitragen. Mithilfe der Interviews konnte ich meine zweite Leitfrage beantworten. Die Lebensqualität wird auf emotionaler, sozialer und physischer Ebene verbessert. Da sich viele Aphasiker/-innen wegen ihrer Sprachstörung von der Gesellschaft zurückziehen, ist der Aphasiechor sehr wichtig.

Diskussion

Ich habe es geschafft, alle Filmaufnahmen selbstständig zu machen. Dafür musste ich geringe Qualitätseinbussen in Kauf nehmen. Wegen des Terminplans des Chors war es nicht möglich, den Wiesenbergerfilm vor Beginn der Dreharbeiten zu analysieren. Ich hätte gerne die daraus erworbenen Kenntnisse bereits beim Filmen genutzt. Schwierig war es für mich, die erste Leitfrage abschliessend zu beantworten, da ich nur für mich selbst sagen kann, welche filmsprachlichen Mittel bei mir Empathie wecken. Es hätte den Rahmen dieser Matura-Arbeit gesprengt, mittels einer Umfrage eine allgemeingültige Antwort zu finden. Der Vergleich der Filmanalysen funktionierte überraschend gut und Rückmeldungen von Zuschauern haben gezeigt, dass mein Film Empathie weckt. Die zweite Leitfrage hätte ich mit einem Fragebogen an alle Chormitglieder umfassender beantworten können.

Schlussfolgerungen

Im Nachhinein würde ich mutiger filmen und experimenteller montieren; trotzdem bin ich zufrieden mit meinem ersten eigenen Dokumentarfilm. Die eindrücklichen Schicksale der Aphasiker/-innen bewegten mich und motivierten mich umso mehr, mit meiner Arbeit möglichst viele Menschen für die Krankheit Aphasie zu sensibilisieren. Für alle Interessierten ist der Link zum Film mittlerweile sogar auf der Internetseite von «aphasie suisse» unter der Rubrik «Öffentlichkeit» zu finden (http://www.aphasie.org/de/offentlichkeit/filmportraits).

 

 

Würdigung durch die Expertin

lic. phil. hist. Franziska Trefzer

Eine Matura-Arbeit, die es mit vielen Bachelor-Arbeiten mühelos aufnehmen kann: Die grosse Stärke dieses Projektes ist das kohärente Zusammenspiel von theoretischem und praktischem Teil, die beide konsequent strukturiert sind. Das Produkt besteht aus einer Filmanalyse und einem Film. Für die Filmanalyse entwickelte Gander aus eigenem Antrieb und ohne filmwissenschaftliche Vorkenntnisse eine Untersuchungsmethode, wie sie in der Filmwissenschaft Standard ist: Das Sequenzprotokoll.

Prädikat:

sehr gut

 

 

 

Kollegium St. Fidelis, Stans
Lehrer: Pascal Kappeler