Thea in Tomils – die Schweizerische Kinderhilfe im Dialog zwischen Zeitzeugen und offiziellen Stellen von 1940 bis 1950

 

Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft

 

Joanne Castelmur, 2000 | Hedingen, ZH

 

Im Rahmen der Schweizerischen Kinderhilfe reisten während und nach dem Zweiten Weltkrieg Kinder aus den Notgebieten Europas in die Schweiz, um sich hier bei Gastfamilien als sogenannte Ferienkinder drei Monate lang zu erholen. Die Arbeit nähert sich den «Kinderzügen» aus unterschiedlichen Perspektiven an. Sie behandelt die weltgeschichtlichen Hintergründe, bietet einen Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Kinderhilfe auf gesamtschweizerischer Ebene und ordnet diese humanitäre Aktion in den politischen Kontext ein. Anschliessend liegt der Fokus auf Thea, ein zum damaligen Zeitpunkt neunjähriges Mädchen aus den Niederlanden, das im Sommer 1945 zur Familie meines Grossvaters im bündnerischen Tomils kam. Mithilfe von Zeitzeugeninterviews entfaltet sich diese Geschichte vor dem Hintergrund der zuvor erarbeiteten historischen Grundlagen.

Fragestellung

Ausgangspunkt der Arbeit war eine alte Familienaufnahme, auf deren Rückseite sich die Beschriftung «Mit Thea aus Holland nach dem Krieg» entziffern liess. Meine zentrale Fragestellung zielt darauf ab, die Geschichte hinter dieser Fotografie zu ergründen: Wie kam ein kleines Mädchen aus der niederländischen Provinz Nordbrabant nicht einmal einen Monat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in das Dorf Tomils zu meinen Verwandten und was erlebte sie dabei?

Methodik

Als Thea in einem der «Kinderzüge» durch das zerstörte Europa in die verschonte Schweiz zu meinen Verwandten gefahren war, hatte sie gleich mehrere Ebenen der Geschichtsschreibung durchquert. Diese spiegeln sich in den drei Themengebieten meiner Arbeit wider: die Lage der Kinder im kriegsversehrten Europa, die Entstehung und Entwicklung der Hilfsaktion im Kontext der schweizerischen Politik und das Einzelbeispiel «Thea in Tomils». Den ersten beiden Ebenen näherte ich mich mithilfe der Fachliteratur sowie schriftlicher Quellen aus dem Archiv des Schweizerischen Roten Kreuzes an, während dem dritten Teil Zeitzeugeninterviews mit Thea und ihren ehemaligen Gastgeschwistern zugrunde liegen. Ein Exkurs zur Reflexion der Schweizer Zeitzeugen über die politische Bedeutung der Kinderhilfe rundet die Arbeit ab.

Ergebnisse

Menschen aus der «Friedensinsel» Schweiz engagierten sich im Rahmen der Kinderhilfe für die notleidenden Kinder Europas. Die ursprünglich private Kinderhilfe fusionierte Ende 1941 mit dem Schweizerischen Roten Kreuz und geriet in der Folge unter den verstärkten Einfluss der Behörden. Besonders für die Aussenpolitik erwies sich das humanitäre Engagement als wertvoll, diente es doch der Rechtfertigung der von alliierter Seite misstrauisch beäugten Neutralität. Im Rahmen dieser folglich nicht unpolitischen Hilfsaktion kam Thea am 30. Mai 1945 in der Schweiz an. Ein typisches Ferienkind war sie jedoch nicht, denn sie war bei guter Gesundheit. Dass sie dennoch verreisen durfte, liegt wohl unter anderem daran, dass die schweizerischen Stellen zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu stark in den Auswahlprozess eingriffen. Einmal in Tomils angekommen, lebte Thea sich schnell in der fremden Umgebung ein, wurde ein Teil der Gastfamilie und der «Dorfjugend» und genoss ungekannte Freiheiten.

Diskussion

Die Kombination der Sekundärliteratur, Quellen und Zeitzeugeninterviews erlaubte eine historisch fundierte Auseinandersetzung mit dem Einzelschicksal «Thea». Besondere Beachtung musste dem Umstand geschenkt werden, dass die Erinnerungen der Zeitzeugen die Vergangenheit nur lückenhaft und verzerrt wiedergeben können. Daher wurden die unterschiedlichen Perspektiven miteinander verglichen, sodass sie sich gegenseitig ergänzen, und die Zeitzeugenaussagen möglichst mit schriftlichen Quellen belegt.

Schlussfolgerungen

Die Arbeit gewährt durch die vertiefte Auseinandersetzung mit einem Einzelbeispiel einen lebendigen und persönlichen Einblick in das Wirken der Kinderhilfe. Theas Erlebnisbericht wird ausserdem in den historischen Kontext eingebettet, womit die unterschiedlichen Ebenen der Geschichtsschreibung in einen Dialog miteinander treten. Diesen könnte man um die Stimmen weiterer ehemaliger Ferienkinder und Gastfamilien erweitern, um die Frage nach der Bedeutung eines Erholungsaufenthaltes für die betroffenen Individuen differenziert zu beantworten. Zusätzlich bietet sich ein Brückenschlag in die heutige Zeit an. Erkenntnisse aus der Untersuchung der Geschichte der Schweizerischen Kinderhilfe könnten im Hinblick auf aktuelle humanitäre Herausforderungen von Bedeutung sein.

 

 

Würdigung durch den Experten

Dr. Thomas Gees

Diese historische Arbeit untersucht quellenbasiert aber primär mit der Methode der oral history vertieft den Einzelfall eines jungen Mädchens im Rahmen der Kinderhilfe. Die Arbeit überzeugt durch eine gelungene Verbindung von politischem Kontext und individuellem Erleben, die brisante und nicht unkritische Thematik der Kinderhilfe fassbar zu machen. Die Zeitzeugeninterviews vermitteln eine unmittelbare Nähe des Alltags in einem kleinen Dorf, dessen Bewohner sich im Strudel der Weltpolitik wiederfinden; ein relevantes Kapitel der Zeitgeschichte wird lebendig und überzeugend rekonstruiert.

Prädikat:

sehr gut

 

 

 

Kantonsschule Freudenberg, Zürich
Lehrer: Dr. Philipp Schaufelberger