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Rahel Heini, 2001 | Luzern, LU

 

Am 21. Dezember 1909 wird auf dem Ruswiler Hof «Huebschüür» die Scheune angezündet, vier Menschen ermordet und versucht, das Wohnhaus, wo sieben Kinder und drei Erwachsene schlafen, in Brand zu setzen. Dieses schreckliche Verbrechen sorgte schweizweit für grosses Entsetzen. Nach der Verhaftung des Täters und dessen Verurteilung zu Tode wurde heftig über Hinrichtung oder Begnadigung debattiert. Ersteres wurde schlussendlich am 2. Mai 1910 vollzogen. Diese Tat galt im 20. Jahrhundert als schlimmstes Verbrechen der Luzerner Kriminalgeschichte und ist somit gut geeignet, den Zeitgeist zum Thema Todesstrafe 32 Jahre vor der gesamtschweizerischen Abschaffung zu untersuchen. In meiner Arbeit interessierte mich die Volksmeinung zur Todesstrafe, insbesondere die Argumente der Befürworter und Gegner.

Fragestellung

(I) Welche Diskussionen entstanden in Folge auf dieses Verbrechen? (II) Welche Argumentationen und Begründungen für und gegen die Todesstrafe wurden angeführt? (III) Wie unterschieden sich die Berichterstattung in den politisch unterschiedlich verorteten Zeitungen?

Methodik

Für die Aufarbeitung des Verbrechens wurden Polizeidokumente aus dem Staatsarchiv verwendet. Um den Zeitgeist zur Todesstrafe zu ergründen, habe ich die Diskussionen und Argumentationen in sechs Schweizer Tages- und Wochenzeitungen ausgewertet. Die Zeitungen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre politische Verortung sowie ihre Auflage und ihr Verbreitungsgebiet. Damit ist gewährleistet, dass ein möglichst breites Spektrum an Ansichten und Begründungen zur Sprache kommt. Die verschiedenen Ansichten in den Blättern habe ich in neun Kategorien eingeteilt und die dazugehörigen Pro- und Kontra-Argumente herausgearbeitet.

Ergebnisse

Die Diskussion um die Beibehaltung oder Abschaffung der Todesstrafe war im Wesentlichen eine Auslegung der Moralvorstellung, der Ethik, der Sitte und des menschlichen Empfindens. Argumente gegen die Todesstrafe waren in der Überzahl und wurden ausführlicher begründet. Liberale Zeitungen ergriffen Jahrzehnte vor der definitiven Abschaffung dieser Strafe klar Stellung gegen die Hinrichtung des Täters. Auch ausserkantonale Medien haben dem Verbrechen und dieser Diskussion viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ausserdem traten unerwartete Konflikte auf, darunter ein Schlagabtausch zwischen zwei Zeitungen oder ein weitverbreitetes Interesse, der Hinrichtung des Täters beizuwohnen.

Diskussion

Meine anfangs formulierten Thesen und die Ergebnisse aus den Untersuchungen unterscheiden sich in mehreren Punkten. So waren es nicht primär religiöse Argumente, die in den ethischen Debatten im Vordergrund standen, sondern Kultur und Ethik wurden weitaus öfters erwähnt. Es waren nicht die konservativen Stimmen in der Überzahl, sondern die Mehrheit der Zeitungsartikel und Leserbriefe waren gegen die Todesstrafe gerichtet. Auffällig war, dass die kleine Regionalzeitung aus Ruswil eher knapp und vor allem neutral über das Geschehen berichtet hat. Die untersuchten ausserkantonalen liberalen Medien orientierten ihre Leserschaft hingegen eingehend über die Vorgänge und kommentierten bissig die Streitigkeiten in den Luzerner Zeitungen. Vermutlich hätte es meiner Untersuchung gedient, hätte ich die ausgewählten Zeitungsorgane um ein weiteres konservatives Medium ergänzt. Dies hätte meines Erachtens dazu geführt, dass ein ausgeglicheneres Verhältnis von Pro- und Kontra-Stimmen zustande gekommen wäre.

Schlussfolgerungen

Diese Arbeit gibt Aufschluss darüber, welche Ansichten und Argumente zur Todesstrafe zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Luzern in den Medien und der Bevölkerung dominierten. Sie lässt erkennen, welche Themen die Bevölkerung damals beschäftigten und wie ein grausames Verbrechen die Gesellschaft polarisierte. Fortsetzen könnte man meine Arbeit auf verschiedene Arten: Einerseits wäre es interessant zu wissen, wie sich die Ansichten bis zur definitiven Abschaffung im Jahre 1942 noch änderten. Andererseits könnte man die Forschung auf weitere Medien ausdehnen, um meine Erkenntnisse allgemeingültig zu überprüfen und weitere Argumente aufzuspüren.

 

 

Würdigung durch den Experten

Prof. em. Dr. Jakob Tanner

Mit der Debatte über die Todesstrafe wurde immer auch das Selbstverständnis moderner Staaten verhandelt. Was sich zwischen dem 21. Dezember 1909 (Mord in Ruswil) und dem 2. Mai 1910 (Vollstreckung des Todesurteils) im Kanton Luzern zugetragen hat, stellt eine erschreckende Episode in dieser Auseinandersetzung dar. Die Verfasserin rekonstruiert diese akribisch anhand von Archivquellen. Sie entfaltet das ganze Panorama der Pro und Contra-Argumente anhand von Tageszeitungen und vermittelt einen faszinierenden Einblick in die Geschichte der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg.

Prädikat:

hervorragend

Sonderpreis Schweizer Jugend forscht SITF – International Forum for Scientific Youth ‹Step into the Future›

 

 

 

Kantonsschule Luzern
Lehrer: Dr. Jürg Stadelmann