Gestaltung | Architektur | Künste

 

Lina Brazerol, 2000 | Tann-Dürnten, ZH

 

Als Ausgangspunkt für das Endprodukt meiner Arbeit diente eine Reise durch die abwechslungsreichen Landschaften Norditaliens: zu Fuss unterwegs in der Toskana, zu zweit, mit Rucksack und einem Zelt. Aus den erlebten Ereignissen und Momenten entstand ein Buch mit selbst gestalteten Illustrationen und kurzen Texten. Die Kugelschreiberzeichnungen mit Farbstiftakzenten beschreiben den Alltag, die Begegnungen und die Erfahrungen während der Reise.

Fragestellung

(I) Wie erzähle ich zeichnerisch eine Geschichte? (II) Welche Gestaltungsmethoden sind möglich? (III) Wie mache ich aus Erlebtem im Nachhinein Zeichnungen?

Methodik

Mit dem Ziel, Beobachtungen auf verschiedene Weise festzuhalten, begann der Arbeitsprozess im Skizzenbuch. Ich untersuchte einerseits zeichnerisch meine Interessenschwerpunkte: Körper und Kleidung, Bewegungen, Handlungsabläufe und Zeitlichkeit im statischen Bild. Andererseits experimentierte ich mit verschiedenen Mal- und Zeichenutensilien, beispielsweise mit Pinseln, Farbstiften und Finelinern. Während des Reisens in der Toskana machte ich Fotos, Notizen und hin und wieder kleinformatige Skizzen. Um nach der Reise die endgültigen Zeichnungen machen zu können, kombinierte ich als Referenzmaterial eigene Bilder (entweder Nachstellungen oder Fotos aus Italien) mit fremden Bildern (aus Büchern, Heften oder dem Internet). Ein zentraler Punkt meiner Auseinandersetzung war das Auffinden vielseitiger und überraschender Bildideen und Kompositionen (zum Beispiel mit dem Einsatz von Frames), die Situationen lebendig erfassen und Momente erzählerisch einfangen. Illustriert habe ich auf Einzelblättern im A4-Format.

Ergebnisse

Insgesamt entstanden 39 Kugelschreiberzeichnungen und 24 Begleittexte, die ich anschliessend in einer Buchbinderei drucken und binden liess. Die Illustrationen zeigen Begegnungen und Erfahrungen während der Reise: eine Stadt entdecken, unzählige Eindrücke im urbanen Raum aufnehmen, in Landschaften eintauchen, langsam vorankommen, Gedanken schweifen lassen, den Körper spüren, losziehen, ankommen. Die Thematik des Unterwegsseins zu Fuss wird durch die Bildideen und Kompositionen nachvollziehbar und erfahrbar gemacht. Bezeichnend für die Arbeit ist der filmische Blick auf die dargestellten Szenen, der die Betrachtenden auf eine bewegte visuelle Reise mitnimmt.

Diskussion

Was sich als extrem wichtig herausgestellt hat, war das zeichnerische Experimentieren und Skizzieren vor der Arbeit am Endprodukt. Ich war sehr froh, mich so schon im Vorfeld an viele verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten herantasten zu können. Das Vorgehen, wofür ich mich entschied, war, die Reise vom bildnerischen Prozess zu trennen und erst im Nachhinein Zeichnungen dazu zu machen. Dadurch entstanden neue Fragestellungen. Das machte es, wie ich fand, zu einem sehr spannenden Prozess, bei dem bis zum Schluss vieles offen blieb und von Zufällen mitbestimmt wurde. Möglichkeiten zu anderen Herangehensweisen bestehen beim Endresultat: Das gebundene Buch als fertiges Produkt ist meiner Meinung nach eine etwas zu wenig flexible Form, um die Zeichnungen zusammenzufassen.

Schlussfolgerungen

Mit der Arbeit habe ich versucht, die Rucksackreise in Bildern umzusetzen und einem grösseren Umfeld einen Einblick in das Erlebnis zu verschaffen. In den zeichnerischen Darstellungen blieb ich den Ereignissen der Reise meistens treu und konnte trotzdem einige spannende und etwas abstraktere Bildideen umsetzen. So wurde es mir möglich, die Reise in eine kürzere Geschichte zusammenzufassen und eine eigene zeichnerische Bildsprache zu entwickeln. Eine Möglichkeit zur Weiterführung der Arbeit wäre eine andere Präsentation der Zeichnungen, beispielsweise auf einzelnen Blättern oder in Form einer Installation. Ebenfalls spannend fände ich eine Auseinandersetzung mit derselben Bildsprache, jedoch zu einem anderen Thema: Was passiert, wenn man beispielsweise immer am selben Ort bleibt und dies dokumentiert?

 

 

Würdigung durch den Experten

Leander Eisenmann

Lina Brazerol setzt sich in ihrer Arbeit mit dem Übersetzen einer Reise in gezeichnete Bilder auseinander. Damit adressiert sie zentrale Fragen der visuellen Narration und der Zeichnung im Allgemeinen. Sie hat sich dabei einerseits eine beeindruckende zeichnerische Kompetenz erarbeitet. Andererseits hat sie wichtige Themenfelder der bildlichen Narration bearbeitet und sich damit vertieft auseinandergesetzt. Sie blieb innerhalb der komplexen Aufgabenstellung stets fokussiert und hat sehr selbstständig Strategien entwickelt, diese strukturiert und zielführend in der Praxis erprobt. Die gewonnenen Beobachtungen hat sie auf hohem Niveau reflektiert.

Prädikat:

sehr gut

 

 

 

Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
Lehrerin: Andrea Henssler