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Lisa Läuchli, 2001

 

Während des Zweiten Weltkrieges wurden über 40 Millionen Feldpostbriefe verschickt. Meine deutschen Grossonkel Richard und Walter haben mit 18 Jahren regelmässig solche Feldpostbriefe an ihre Eltern geschickt und umgekehrt ihre Eltern auch an sie. Insgesamt sind 71 Briefe vorhanden. Mit dieser Arbeit wurde zum ersten Mal deren Inhalt erfasst und analysiert. Richard und Walter sind im Krieg gefallen, weshalb ihre Briefe von der Familie als Erinnerung aufbewahrt wurden. Als Zeitzeugen ermöglichen diese Feldpostbriefe einen wertvollen Einblick in die Geschichte zweier junger Männer im Dienst der deutschen Wehrmacht.

Fragestellung

In der Arbeit wurden die Feldpostbriefe anhand der folgenden Leitfragen analysiert: (I) Worüber wurde (nicht) geschrieben? (II) Inwieweit wird die Heimatfront fassbar? (III) Wie hat der Krieg die Beziehung meiner Grossonkel zu ihrer Familie beeinflusst? (IV) Wie war ihre Einstellung zum NS-Regime?

Methodik

Die Briefe sind in der Sütterlinschrift verfasst worden, weshalb sie erst transkribiert werden mussten. Dabei wurden die Transkriptionsregeln der Universität Zürich angewandt. Aus den Briefen von Richard und Walter konnten ihre ungefähren Positionen abgeleitet und mithilfe von Sekundärliteratur kontextualisiert werden. Die Briefe habe ich mit anderen Feldpostbriefen aus der Literatur verglichen und anhand der Leitfragen analysiert. Hierbei galt es, den Einfluss von Zensur und Propaganda auf den Inhalt der Briefe zu beachten. Bei der Analyse wurden zudem die mündlichen Erzählungen meiner Mutter und ihrer Geschwister über die Familie miteinbezogen.

Ergebnisse

Neben der Funktion des alltäglichen Gesprächs kam den Feldpostbriefen die Funktion des Lebenszeichens zu. Über den Feldpostverkehr konnten meine Grossonkel eine enge Beziehung zu ihrer Familie aufrechterhalten. In den Briefen wurde meistens über Alltägliches wie die Unterkunft, das Wetter und die Verpflegung geschrieben. Zudem waren Feldpostpakete und deren Inhalte ein häufiges Thema. Dabei handelte es sich hauptsächlich um 100-Gramm-Päckchen, mit welchen die Familie Richard und Walter eine zusätzliche Verpflegung und Leckereien aus der Heimat schickte. Die Päckchen enthielten länger haltbare Lebensmittel wie Schokolade, Kekse und Würste. Mit den Aufzählungen des Inhalts jedes Päckchens konnte überprüft werden, ob alles unversehrt beim anderen angekommen war. Dagegen gibt es keine detaillierten Erzählungen über den Dienst und über die Front. Hierbei dürften die militärische Geheimhaltungspflicht und die Zensur eine Rolle gespielt haben. Es wurde jeweils geschrieben, ob es viel oder wenig zu tun gab. Walter schrieb zudem viel über seine Freizeit in Frankreich. Seine Erzählungen sind Reiseberichten ähnlich. In Frankreich war er reichlich verpflegt, genoss einige Privilegien und schickte der Familie einige Güter, die in Deutschland knapp waren, bspw. Rasierklingen und Seifen. All dies sind Anzeichen für die Ausbeutung im eroberten Gebiet. In einigen Briefen äusserten sich meine Verwandten über die negativen Auswirkungen des Krieges, sowohl an der Front als auch in ihrer Heimat. Die Familie bekam den Krieg durch den Bombenalarm und die Lebensmittelrationierung an der Heimatfront stark zu spüren, weshalb immer wieder der Frieden herbeigesehnt wurde. Direkte Äusserungen zum NS-Regime gibt es keine. Wie ihre Haltung dazu war, ist folglich nicht eindeutig bestimmbar. Die zuvor genannten Themen scheinen wichtiger gewesen zu sein und waren zudem unproblematisch bezüglich der Zensur. Dagegen kommen einige rassistische Aussagen in Bezug auf den Feind vor. Diese sind sehr typisch für die NS-Ideologie und zeigen, wie stark meine Verwandten von der NS-Propaganda beeinflusst waren.

Diskussion

Die Transkription der 71 Briefe stellte zu Beginn eine Herausforderung dar. Hierbei entstandene Fehler könnten die Analyse beeinflusst haben. Zudem muss der Interpretationsspielraum der Briefe beachtet werden. Die Briefe zeigen die subjektive Sicht der Briefschreiber, wobei Einflüsse der Zensur und der Propaganda eine Grenze dieser Quellenart bilden. In der Arbeit liegt der Fokus beim Briefaustausch innerhalb der Familie. Um ein genaueres Bild meiner Verwandten zu bekommen, müssten zusätzlich die vorhandenen Briefe von Freunden an Richard transkribiert und analysiert werden. Zudem bleibt unklar, inwiefern die mündlich weitergegebenen Erzählungen über die Familie der historischen Wirklichkeit entsprechen.

Schlussfolgerungen

Mit dieser Arbeit konnte die Bedeutung von Feldpostbriefen aufgezeigt werden. Sie sind Zeitzeugen und ermöglichen einen anderen Blick auf historische Ereignisse. Dadurch wird Geschichte persönlicher, eindrücklicher und greifbarer.

 

 

Würdigung durch die Expertin

Christine Stuber

Lisa Läuchli hat die Briefkorrespondenz ihrer beiden Grossonkeln – beide Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg – mit der Familie systematisch ausgewertet, geografisch verortet und kritisch reflektiert. Die Ergebnisse ihrer Analyse vergleicht sie mit der Forschungsliteratur zum Thema Feldpostbriefe. Kritisch benennt sie die Grenzen der Analysemöglichkeiten und hinterfragt Topoi der Familienerinnerung. Die Arbeit besticht durch die sorgfältige Sprache und die stringente Gedankenführung. Die Autorin zeigt mit ihrer klaren Analyse einen hohen Grad an Abstraktionsvermögen.

Prädikat:

sehr gut

 

 

 

Kantonsschule Zürich Nord, Zürich
Lehrer: Rafael Hug