Die Flucht – wie meine Grossmutter in die Schweiz kam

 

Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft

 

Amira Lang, 2000 | Hausen, AG

 

14 Millionen Deutsche mussten mit dem Vormarsch der sowjetischen Front gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von Osten nach Westen hinter die Oder-Neisse-Linie fliehen beziehungsweise wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Die Familie Steinke-Bieri mit meiner Grossmutter, Erika Steinke, die in Uschhauland, einem kleinen Dorf in Pommern, geboren und aufgewachsen ist, gehörte zu dieser Flüchtlingswelle dazu. Heute, 75 Jahre nach diesem tragischen Krieg und zwei Jahre nach dem Tod meiner Oma, wollte ich mich auf die Spurensuche ihres Lebens machen und insbesondere auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs eingehen. Drei ihrer Geschwister leben heute noch, ein Tagebuch und Reiseunterlagen waren ebenfalls vorhanden, sodass schlussendlich ihre Biographie skizziert werden konnte.

Fragestellung

Diese Arbeit wollte vor allen Dingen Erika Steinkes Lebensgeschichte behandeln. Ein spezielles Augenmerk lag auf den Ursachen, dem Ablauf und den Folgen der Flucht aus Nordostdeutschland während des Zweiten Weltkrieges. Überdies sollte der weitere Verlauf ihres Lebens in groben Zügen skizziert werden, um ihre Biographie zu vervollständigen. Diese Ziele führten zu folgenden Fragestellungen: (I) Wie sieht der chronologische Lebensverlauf von Erika Lang-Steinke-Bieri aus? (II) Wie hat Erika Steinke die Flucht und den Krieg im Allgemeinen erlebt? (III) Wie war das Beziehungsverhältnis in der Familie vor, während und nach dem Krieg? (IV) Hat die Familie über die Ereignisse gesprochen? (V) Wie haben sie das Vorgefallene verarbeitet?

Methodik

Um die Fragestellungen beantworten zu können, arbeitete ich einerseits mit schriftlichen Sekundärquellen: Es galt, um mir ein hinreichendes Hintergrundwissen anzueignen. Andererseits waren sowohl Primärquellen von Erika Steinke als auch Personeninterviews mit ihren Verwandten zur Zusammenstellung ihrer Biographie von massgeblicher Bedeutung.

Ergebnisse

Aufgewachsen in einer Zeit des Umbruchs, musste die Familie Steinke-Bieri mit ihrer damals erst zwölfjährigen Tochter Erika (*6. Juli 1932, † 29. August 2017) und fünf weiteren Kindern aus ihrem Daheim in Uschhauland im Netzekreis aus der Provinz Grenzmark Posen-Westpreussen flüchten, nachdem in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges die sowjetische Armee herangerückt war. Allerdings kam die Familie nicht sonderlich weit, da sie von der Roten Armee eingekesselt wurde. Also kehrte sie wieder zurück auf ihren Bauernhof. Wieder zu Hause angekommen, fanden sie ihr Haus verwüstet vor. Ausserdem mussten die Deutschen alle Leichen in diesem Gebiet begraben. Auch musste Erika Kinderarbeit leisten oder sie wurde von Soldaten, die im Dorf vorbeikamen, vergewaltigt. Viele Male ist sie fast gestorben. Ein Jahr ging das so weiter, bis alle Deutschen im Februar 1946 ausgewiesen wurden und sie zum zweiten Mal Uschhauland verlassen mussten. Die Familie überlebte die beschwerliche Fahrt nach Deutschland und so kamen sie zuerst zu Verwandten nach Berlin. Weiter gingen alle zusammen zu anderen Verwandten nach Aschersleben. Erika floh später von Ostdeutschland nach Westdeutschland. Nach einem Aufenthalt in der Schweiz reiste sie nach Jersey, um Englisch zu lernen. Dort lernte sie ihren zukünftigen Ehemann Friedrich Lang kennen und kam dann mit ihm zusammen zurück in die Schweiz, wo sie drei Kinder hatten, darunter meine Mutter Rosmarie. Ich bin eine ihrer drei Enkelinnen und hatte ein sehr nahes Verhältnis zu Erika, da ich in meiner Kindheit fast täglich bei ihr war. Ungefähr zehn Jahre vor ihrem Tod erkrankte sie an Demenz, bis sie im August 2017 im Alter von 85 Jahren verstarb.

Diskussion

Das hauptsächliche Ziel der hier vorliegenden historischen Matura-Arbeit war es, dass ich mich auf die Spurensuche nach dem Leben meiner Grossmutter begab, um dieses Leben in den geschichtlichen Kontext zu setzen. Erika Steinkes Leben konnte grösstenteils rekonstruiert werden. Die persönlichen Erlebnisse während ihrer Kindheit, der Flucht und des weiteren Lebensverlaufs konnten ebenfalls zusammengetragen werden. Die gesamte Datenmenge ergab ein differenziertes, aber trotzdem noch relativ grobes Bild des Krieges und Erikas Leben. Ausserdem liessen sich gewisse Ungereimtheiten nicht klären. Trotzdem liessen sich bei den Gesprächen mit den Geschwistern und Erikas Rapport viele Überschneidungen feststellen.

Schlussfolgerungen

Als Puzzle zeigt Erika Steinkes Lebensgeschichte zusammen mit dem historischen Kontext ein facettenreiches, wenn auch dem Quellenmaterial entsprechend unvollständiges Bild über die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ihr Leben kann exemplarisch für viele Millionen Personen stehen, die diesen Krieg ebenfalls erlebten und unter grossem Druck ihre Heimat verlassen mussten.

 

 

Würdigung durch die Expertin

Christine Stuber

Der Autorin standen persönliche Unterlagen zum Themenkreis Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs zur Verfügung: Tagebücher, Briefe, Photos und Reiseunterlagen ihrer Grossmutter, die aus Posen mit ihrer Familie fliehen musste.
Gewissenhaft arbeitet sie das Quellenmaterial auf, setzt es in den Kontext des neuesten Forschungsstandes und ergänzt es mit oral history. Methodisch einwandfrei, inhaltlich sauber recherchiert und sprachlich anschaulich dargestellt, ist ein lesenswertes, spannendes Dokument entstanden, das exemplarisch das Leben von Menschen auf der Flucht schildert.

Prädikat:

sehr gut

 

 

 

Alte Kantonsschule Aarau
Lehrerin: Milena Zuber